Tibetische Kräuterpillen

Fragt man einen westlichen Menschen, was ihm zur tibetischen Medizin einfällt, wird er vermutlich als erstes die berühmten Kräuterpillen nennen. Die Pillen sind klassische „Vielstoffgemische" - sie enthalten manchmal bis zu hundert Einzelsubstanzen.

Pillenherstellung

Die Herstellung der Kräuterpillen ist eine hohe Kunst. Nach dem Sammeln werden die Pflanzen zunächst sorgfältig gereinigt und getrocknet, sodann mit dem Messer in Stücke geschnitten. Diese Vorbereitungszeit nimmt oft mehrere Tage in Anspruch. Der nächste Schritt ist das Wiegen und Mischen der Substanzen, danach folgt das Zermahlen. Das Mahlen geschieht je nach technischem Standard sehr unterschiedlich. Einfache Ärzte aus Ladakh zum Beispiel, die noch wie früher ganz ohne technische Hilfsmittel auskommen müssen, zermahlen die Kräuter mit einem Stein und sieben das Pulver dann durch ein Tuch. Dem Pflanzenmehl wird dann so lange vorsichtig Wasser zugegeben, bis es eine breiige Konsistenz aufweist und mit einem mechanisch betriebenen, unserem Fleischwolf ähnlichen Gerät erst zu Würsten, dann zu Kugeln geformt wird. Damit die Kugeln gleichmäßig rund werden, kommen sie in große, flache Schalen, die von Hand rhythmisch im Kreis bewegt werden.
Im Men-Tsee-Khang in Dharamsala bedient man sich moderner Maschinen. Die Pflanzenmischung wird zunächst grob, dann fein zermahlen und anschließend in Mischtrommeln zu einem Pulver verarbeitet. Auch das Pillendrehen geschient in diesen Mischtrommeln.
Manchmal - zum Beispiel zur Herstellung so genannter Butterpillen - werden die Kräuterbestanteile tagelang zu einem Brei verkocht, um die Wirkstoffe zu potenzieren. Etwa hundert Kilogramm Arzneipflanzen können dabei zu zehn Kilogramm wirksamer Stoffe reduziert werden. Die Masse wird so lange erhitzt und gefiltert, bis sie zu Pillen geformt werden kann.

Die Wirkkraft von Mantras bei der Produktion

Viele Ärzte aktivieren die Wirkkraft ihrer pflanzlichen Arzneien durch die meditative Kraft von Mantras. Nicht nur beim Sammeln der Bestandteile für die Herstellung des Mittels, auch vor und nach der Zubereitung der Arznei meditieren die Ärzte und visualisieren dabei sich selbst wie auch die Pille als eine bestimmte Gottheit.

Wogegen Kräuterpillen helfen

Die tibetischen Pillen werden gegen eine Unzahl von Beschwerden im körperlichen Bereich eingesetzt. Um nur ein paar Beispiele zu nennen, behandelt man damit Magen-Darm-Infekte ebenso wie hohen Blutdruck, Asthma, Thrombosen, grauen Star, Brust- und Dickdarmkrebs; man löst sogar Gallen- und Nierensteine auf. Auch bei psychosomatischen rlung-Störungen helfen die Pillen - allerdings nur gegen die Körperlichen Symptome. Manche Behandlungen mit Kräuterpillen sind langwierig und dauern Jahre, andere wieder bessern schlagartig das Wohlbefinden. Meist werden Pillenrationen für vier Wochen verordnet und der Patient gebeten, danach wiederzukommen, um zu sehen, ob die Therapie angeschlagen hat.